Über Arbeit, Anerkennung und die Freiheit, einfach Mensch zu sein
Was passiert eigentlich, wenn künstliche Intelligenz irgendwann meine Arbeit besser kann als ich?
Diese Frage taucht inzwischen in fast jeder Diskussion über KI auf. Meist folgt darauf ziemlich schnell eine beruhigende Antwort: Bestimmte Dinge werde die Maschine eben nie können. Empathie zum Beispiel. Kreativität. Verantwortung. Menschliche Erfahrung.
Ich würde das auch gerne glauben.
Ich bin mir nur nicht sicher, ob wir es wissen.
Vielleicht kann eine KI in zehn Jahren einen steuerlichen Fall besser analysieren als ich. Vielleicht kennt sie jedes Urteil, erkennt Zusammenhänge, an die ich nicht gedacht habe, und entwickelt Gestaltungen, für die heute ein Team von Spezialisten nötig wäre.
Vielleicht kann sie irgendwann sogar das Gespräch mit dem Mandanten führen. Sie kennt seine Geschichte, seine Familie, sein Unternehmen und seine bisherigen Entscheidungen. Vielleicht hört sie geduldiger zu als mancher Mensch und stellt die besseren Fragen.
Ich finde diese Frage unangenehm.
Aber gerade deshalb sollten wir sie nicht mit einer schnellen Antwort beruhigen.
Die Maschine muss mich nicht ersetzen, um die Welt zu verändern
Im letzten Teil dieser Reihe ging es um die Frage, wie aus Hilfe Abhängigkeit werden kann.
Wir nutzen KI zunächst als Werkzeug. Sie spart Zeit, übernimmt Routinearbeiten und hilft uns bei Dingen, die wir ohne sie vielleicht gar nicht könnten.
Ich erlebe das selbst.
Ich baue derzeit an einer Softwarelösung, für die ich früher einen Programmierer gebraucht hätte. Ich kann nicht programmieren wie ein professioneller Entwickler. Mit KI kann ich trotzdem Ideen ausprobieren, Funktionen entwickeln, Fehler suchen, wieder zurückgehen und einen anderen Weg versuchen.
Das ist faszinierend.
Und es zeigt zugleich, warum die übliche Diskussion über den Verlust von Arbeitsplätzen vielleicht zu kurz greift.
Denn wenn KI Fähigkeiten verfügbar macht, für die bisher Spezialisten notwendig waren, verändert sich nicht nur, wer welche Arbeit erledigt.
Es verändert sich auch, wofür Menschen überhaupt noch gebraucht werden.
Und damit berühren wir etwas, das viel tiefer geht als Arbeitsmarktpolitik.
Was würde ich eigentlich tun, wenn ich nicht mehr arbeiten müsste?
Ich habe mir diese Frage einmal ganz persönlich gestellt.
Nehmen wir für einen Moment an, die wirtschaftlichen Probleme wären gelöst. Ich hätte genug zu essen, könnte wohnen, reisen und am gesellschaftlichen Leben teilnehmen.
Und meine heutige Arbeit wäre nicht mehr erforderlich.
Was würde ich tun?
Erstaunlicherweise fiel mir ziemlich viel ein.
Ich würde Museen besuchen. Bücher lesen. Mich mit Literatur, Geschichte und vielleicht noch viel mehr mit Musik beschäftigen. Ich würde meinen Gedanken nachhängen und wahrscheinlich weiterhin mit einer KI darüber diskutieren, nur weil mich interessiert, was dabei herauskommt.
Ich würde Tennis spielen und Golf.
Nicht unbedingt im Wettkampf.
Wenn irgendwann ein Roboter besser Tennis spielt als ich, wäre das für mein Tennisspiel schließlich ziemlich egal.
Ich würde draußen sein, Natur genießen, Menschen treffen, Gespräche führen.
Und wahrscheinlich würde ich weiterhin das tun, was mir heute schon Freude macht: Menschen zuhören, wenn sie mit einer Frage kommen, mit ihnen Gedanken sortieren und manchmal dabei helfen, einen anderen Blick auf ein Problem zu bekommen.
Vielleicht würde ich auch einfach an manchen Tagen in den Tag hineinleben.
Beim Nachdenken darüber fiel mir auf:
Das klingt gar nicht nach einem sinnlosen Leben.
Nur nach einem Leben, dessen Sinn nicht mehr daraus entsteht, dass jemand meine Arbeitsleistung benötigt.
Muss ich gebraucht werden?
Damit wird die Frage schwieriger.
Denn natürlich möchte ich sagen:
Mein Wert als Mensch hängt nicht davon ab, ob jemand mich braucht.
Aber stimmt das auch für mein eigenes Empfinden?
Ich glaube, zumindest teilweise brauche ich das Gefühl, eine Bedeutung für andere zu haben.
Dabei geht es mir gar nicht unbedingt um Anerkennung im klassischen Sinn. Ich muss nicht ständig gelobt werden. Manchmal besteht eine sehr angenehme Form von Anerkennung auch einfach darin, in Ruhe gelassen zu werden.
Aber gesehen zu werden, ist etwas anderes.
Zu erleben: Ich bin da. Meine Gedanken kommen vor. Ich kann etwas beitragen. Vielleicht hört jemand zu. Vielleicht widerspricht er mir. Vielleicht entscheidet er sich anschließend sogar ganz anders.
Das ändert aber nichts daran, dass ich Teil des Prozesses war.
Und damit kommen wir zurück zu einem Gedanken aus den ersten Artikeln dieser Reihe.
Wir hatten über Widerspruch gesprochen und darüber, wie wichtig es ist, dass Menschen gegenüber einer sehr überzeugenden KI noch Nein sagen können.
Vielleicht haben wir dabei zu sehr auf das Ergebnis geschaut.
Denn Teilhabe bedeutet nicht, dass meine Meinung gewinnt.
Dass ich gehört werde, ohne dass daraus automatisch folgen muss, dass ich recht bekomme.
Vielleicht ist das in einer Welt intelligenter Maschinen wichtiger, als es zunächst klingt.
Wissen war lange auch eine Form von Bedeutung
Gerade für Menschen in Wissensberufen ist die Entwicklung besonders interessant.
Ein Teil unserer gesellschaftlichen Stellung beruhte immer darauf, dass wir etwas wussten, was andere nicht wussten.
Der Arzt kannte die Medizin.
Der Rechtsanwalt kannte das Recht.
Der Steuerberater wusste, wie eine komplizierte Gestaltung funktioniert.
Der Professor hatte Bücher gelesen, die andere nicht gelesen hatten.
Wissen war knapp.
Und Knappheit erzeugt Wert.
Schon der Buchdruck hat daran etwas verändert. Wissen konnte plötzlich viel breiter verbreitet werden. Das Internet hat diesen Prozess noch einmal beschleunigt.
Mit KI geschieht vielleicht etwas qualitativ Neues.
Ich muss nicht einmal mehr wissen, wo das Wissen steht.
Ich kann fragen.
Und ich bekomme nicht nur eine Fundstelle, sondern eine Erklärung, eine Zusammenfassung, einen Vergleich und auf Wunsch gleich noch einen Vorschlag, was daraus folgen könnte.
Was geschieht dann mit Menschen, die einen erheblichen Teil ihrer Identität daraus bezogen haben, etwas zu wissen?
Vielleicht erklärt das einen Teil der Unruhe, die wir derzeit erleben.
Die Angst vor KI könnte dann manchmal auch eine andere Angst sein:
Dann suche dir eben etwas Neues
Eine naheliegende Antwort lautet: Menschen haben sich immer angepasst.
Wenn Berufe verschwinden, entstehen neue.
Das stimmt historisch erstaunlich oft.
Und Zukunftsforscher weisen zu Recht darauf hin, dass es gefährlich sein kann, Entscheidungen von heute ausschließlich auf die Spielregeln von gestern zu stützen.
Aber mich befriedigt diese Antwort nicht vollständig.
Denn sie enthält stillschweigend eine Annahme:
Der Mensch müsse eben immer wieder eine neue Tätigkeit finden, in der er der Maschine noch überlegen ist.
Heute Wissen.
Morgen Kreativität.
Übermorgen Empathie.
Danach vielleicht Urteilskraft.
Aber was, wenn auch diese Bastionen fallen?
Ich weiß nicht, ob das passiert.
Aber wenn wir ernsthaft über künstliche allgemeine Intelligenz oder sogar Superintelligenz sprechen, sollten wir zumindest die Möglichkeit zulassen.
Was wäre, wenn wir irgendwann keine neue menschliche Spezialfähigkeit mehr finden, die sich wirtschaftlich nicht automatisieren lässt?
Ist der Mensch dann gescheitert?
Oder haben wir nur die falsche Frage gestellt?
Vielleicht ist das Bruttoinlandsprodukt nicht das Problem – aber auch nicht die Antwort
In einem Gespräch mit dem Zukunftsforscher Fabian Westerheide ist mir ein Gedanke besonders hängen geblieben.
Eine Gesellschaft der Zukunft kann nicht allein danach beurteilt werden, wie effizient sie produziert oder wie stark ihr Bruttoinlandsprodukt wächst.
Das klingt zunächst selbstverständlich.
Es wird aber weniger selbstverständlich, wenn Maschinen tatsächlich einen immer größeren Teil dieser Produktion übernehmen.
Stellen wir uns eine Gesellschaft vor, in der KI und Robotik einen ungeheuren Wohlstand erzeugen.
Energie ist verfügbar. Lebensmittel sind vorhanden. Medizinische Versorgung ist hervorragend. Viele Güter werden sehr billig produziert.
Ökonomisch könnte das eine Erfolgsgeschichte sein.
Und trotzdem könnte es eine ziemlich trostlose Gesellschaft werden.
Nämlich dann, wenn der Mensch darin nur noch versorgt wird.
Essen, Wohnung, Unterhaltung – alles vorhanden.
Aber niemand braucht seine Fähigkeiten. Seine Entscheidungen spielen keine Rolle. Die wesentlichen Prozesse laufen ohne ihn effizienter.
Das wäre eine bemerkenswerte Dystopie.
Keine Roboterarmeen.
Keine Matrix.
Keine künstliche Intelligenz, die Menschen hasst.
Vielleicht sogar eine KI, die hervorragend für uns sorgt.
Und trotzdem fehlt etwas.
Beschäftigung allein reicht auch nicht
Die Gegenreaktion darauf wäre vermutlich, Menschen wieder Beschäftigung zu geben.
Auch dabei bin ich skeptisch.
Wenn wir künstliche Tätigkeiten erfinden, nur damit Menschen morgens einen Grund haben aufzustehen, haben wir das Problem nicht gelöst.
Arbeit ist nicht automatisch Sinn.
Und Nichtarbeit ist nicht automatisch Sinnlosigkeit.
Vielleicht müssen wir deshalb etwas neu lernen, das unsere Arbeitsgesellschaft ein Stück weit verlernt hat:
Der eine möchte malen.
Eine andere möchte forschen, obwohl eine KI die Forschungsfrage vielleicht schneller lösen könnte.
Jemand möchte den ganzen Tag an einem alten Motorrad schrauben.
Ein anderer möchte Kinder betreuen.
Jemand singt.
Jemand wandert.
Einer baut ein Unternehmen auf, obwohl er materiell längst genug hätte.
Und vielleicht sitzt jemand einfach auf einer Bank, liest ein Buch und schaut anschließend eine Stunde lang auf einen See.
Warum sollte eines dieser Leben weniger wert sein als ein anderes?
Die Freiheit, verschieden zu sein
Damit komme ich zu einem Menschenbild, das für mich hinter vielen dieser Fragen steht.
Menschen sind sich ähnlich.
Wir brauchen Nahrung, Sicherheit, Beziehungen und in irgendeiner Form Gemeinschaft.
Und trotzdem ist jeder Mensch anders.
Vielleicht kann man das religiös begründen und den Menschen als individuelles, von Gott geschaffenes Wesen betrachten.
Man kann zu einem ähnlichen Ergebnis aber auch ganz ohne Religion kommen.
Die entscheidende Frage ist für mich:
Eine menschenfreundliche KI-Gesellschaft wäre deshalb für mich nicht die Gesellschaft, die den perfekten Lebensentwurf berechnet hat und ihn anschließend allen ermöglicht.
Das wäre mir eher unheimlich.
Menschenfreundlich wäre eine Welt, in der sehr unterschiedliche Lebensentwürfe nebeneinander bestehen können.
Auch unterschiedliche Grade von Technik.
Vielleicht möchte jemand permanent mit seiner persönlichen KI verbunden sein.
Ein anderer will morgens sein Smartphone ausschalten.
Vielleicht gibt es hochdigitalisierte Städte und Orte, an denen Menschen bewusst einfacher leben.
Das „einfache Leben“ wird natürlich nie wieder das Leben von früher sein. Wer sich zurückzieht, weiß trotzdem, dass moderne Medizin existiert, dass er reisen kann und dass die digitale Welt erreichbar wäre.
Aber vielleicht gehört zu Freiheit künftig gerade auch:
Was schuldet eine solche Gesellschaft dem Menschen?
An dieser Stelle wird aus der technischen Frage eine politische und gesellschaftliche.
Wenn menschliche Arbeit tatsächlich weniger notwendig wird, reicht es dann, materielle Grundbedürfnisse zu sichern?
Ich glaube nicht.
Natürlich braucht es Nahrung, Wohnung, medizinische Versorgung und die Möglichkeit, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen.
Aber Menschen brauchen wahrscheinlich auch Räume, in denen sie wirksam sein können.
Nicht weil jeder Mensch permanent Anerkennung benötigt.
Sondern weil Freiheit ohne die Möglichkeit, etwas zu bewirken, irgendwann merkwürdig leer wird.
Dazu gehört für mich auch das Recht auf Unterschiedlichkeit.
Derjenige, der zwölf Stunden arbeiten möchte, darf arbeiten.
Derjenige, der malen möchte, darf malen.
Derjenige, der sich engagieren möchte, findet Möglichkeiten dazu.
Und wer einfach eine Weile seine Ruhe haben möchte, muss sich nicht rechtfertigen, warum er gerade keinen messbaren Beitrag zum Bruttoinlandsprodukt leistet.
Vielleicht wäre das eine Form von Wohlstand, die wir bisher nur unzureichend messen.
Und dann bleibt die Machtfrage
Allerdings funktioniert diese Vorstellung nur unter einer Bedingung.
Niemand darf so viel Macht besitzen, dass er allen anderen vorschreiben kann, wie das gute Leben auszusehen hat.
Das galt schon immer.
Mit künstlicher Intelligenz könnte die Frage aber noch wichtiger werden.
Denn eine Technologie, die Informationen verarbeitet, Entscheidungen vorbereitet, Kommunikation steuert und irgendwann vielleicht große Teile der wirtschaftlichen Produktion organisiert, kann Macht enorm konzentrieren.
Dabei ist zunächst gar nicht entscheidend, ob diese Macht bei einer KI liegt oder bei den Menschen, Unternehmen oder Staaten, die sie kontrollieren.
Vielleicht war deshalb unsere ursprüngliche Frage, ob wir uns vor künstlicher Intelligenz fürchten müssen, ohnehin etwas zu eng.
Wir müssen uns immer auch fragen:
Eine Gesellschaft, die Individualität ermöglichen will, muss deshalb nicht nur Wohlstand verteilen.
Sie muss Macht begrenzen.
Vielleicht müssen wir gar nicht besser bleiben
Ich würde diesen Artikel gern mit einer beruhigenden Antwort beenden.
Etwa so:
Der Mensch wird immer gebraucht werden, weil Maschinen niemals wirklich kreativ sein, lieben, Verantwortung übernehmen oder Sinn verstehen können.
Vielleicht stimmt das.
Ich weiß es nicht.
Und gerade nach den Entwicklungen der vergangenen Jahre wäre ich vorsichtig mit Sätzen, die mit „Eine Maschine wird niemals …“ beginnen.
Vielleicht müssen wir uns deshalb von einer anderen Vorstellung verabschieden:
Dass der Mensch seinen Wert dadurch beweisen muss, dass er irgendwo besser als die Maschine bleibt.
Vielleicht ist das gar nicht nötig.
Vielleicht darf eine KI irgendwann besser rechnen, besser programmieren, besser diagnostizieren und möglicherweise sogar besser beraten.
Und ich darf trotzdem ein Buch lesen.
Ich darf Tennis spielen, obwohl der Roboter mich 6:0, 6:0 schlagen würde.
Ich darf einen Gedanken äußern, obwohl eine Maschine errechnet hat, dass er mit 97,8 Prozent Wahrscheinlichkeit falsch ist.
Ich darf meine Meinung ändern.
Ich darf etwas ausprobieren.
Ich darf mich irren.
Und ich darf manchmal einfach meine Ruhe haben.
Vielleicht liegt eine menschenfreundliche Zukunft nicht darin, für den Menschen immer noch irgendeine unersetzbare Restaufgabe zu finden.
Vielleicht liegt sie darin, eine Welt zu schaffen, in der er keine Restaufgabe braucht, um Bedeutung zu haben.
Ob wir eine solche Gesellschaft bauen können, weiß ich nicht.
Aber wenn Maschinen tatsächlich immer mehr von dem übernehmen, womit wir bisher unseren Wert begründet haben, könnte genau das eine der wichtigsten Fragen werden:
Dieser Beitrag ist Teil meiner Reihe „Urteilskraft – Wie Menschen in einer Welt intelligenter Maschinen gute Entscheidungen treffen“.
