Thomas Rößler

Mentor für Vermögen mit Sinn

Vorzeichen lesen

Rachmaninow, Demokratie und die Frage, was wir Menschen noch selbst tun wollen

Es war ein langer Freitag gewesen. Viel Arbeit, dazu Regen – und eigentlich einer dieser Tage, an denen man irgendwann nur noch nach Hause möchte.

Bevor es ins Gewandhaus ging, saßen Julia und ich noch mit unserem Freund Bernd im Café, um seinen Geburtstag etwas nachzufeiern. Im Gewandhaus kam Georgi dazu.

Vielleicht war gerade dieser Übergang vom Alltag in den Konzertsaal an diesem Abend besonders deutlich. Denn das Gewandhaus eröffnete seine 246. Saison mit einem Demokratie-Konzert unter dem Motto „Vorzeichen lesen“.

Gemeinsamer Konzertabend im Gewandhaus Leipzig
Vor dem Konzert im Gewandhaus – ein Abend zwischen Musik, Begegnung und großen Fragen.

Rachmaninow – schon wieder die Dritte

Interessanterweise begann der Abend für mich mit einer musikalischen Verbindung zu Hamburg.

Erst wenige Tage zuvor hatten wir in der Elbphilharmonie Rachmaninows dritte Sinfonie gehört. Nun stand erneut eine „Dritte“ von Rachmaninow auf dem Programm – diesmal das dritte Klavierkonzert in d-Moll.

Am Klavier saß Mao Fujita, dirigiert wurde das Gewandhausorchester von Andris Nelsons.

Unsere Plätze auf der Orgelempore boten dafür einen besonderen Blick. Man schaut nicht nur auf das Orchester, sondern kann sehr genau beobachten, wie Musik entsteht.

Bei Nelsons fasziniert mich immer wieder die Körperlichkeit seines Dirigierens. Manchmal wirkt es fast, als würde er die Musik mit den Händen formen und greifen.

Fujita wirkte zunächst zurückhaltender. Fast hatte ich den Eindruck, dass er das Orchester beobachtete, ihm folgte und immer tiefer in die Musik hineinging. Und dann gab es diese Momente, in denen er vollkommen in seinem Spiel aufzugehen schien.

Mao Fujita und Andris Nelsons nach Rachmaninows drittem Klavierkonzert im Gewandhaus Leipzig
Mao Fujita und Andris Nelsons – Rachmaninows drittes Klavierkonzert im Gewandhaus.

Was wollen wir eigentlich noch selbst tun?

Während ich Fujita und Nelsons beobachtete, musste ich plötzlich wieder an eine Aussage von Jack Ma denken.

Der Alibaba-Gründer hatte schon vor einigen Jahren davor gewarnt, Kinder lediglich mit Wissen auf eine Welt vorzubereiten, in der Maschinen Wissen schneller verarbeiten können. Stattdessen sprach er unter anderem von Werten, selbständigem Denken, Teamarbeit, Sport, Musik und Kunst.

Lange war ich bei dieser Argumentation skeptisch. Denn warum sollte ausgerechnet Kreativität die sichere Grenze zwischen Mensch und Maschine sein?

In St. Petersburg hatte ich gerade erlebt, wie Bilder von Iwan Schischkin mithilfe künstlicher Intelligenz animiert wurden. Und längst kann KI schreiben, Bilder erzeugen und Musik komponieren.

Vielleicht ist deshalb die Frage falsch gestellt.

Was wollen wir weiterhin selbst tun – unabhängig davon, wer oder was es besser kann?

Eigentlich ist diese Situation gar nicht neu.

Ein Kind lernt Klavier, obwohl Mao Fujita besser spielt. Ich spiele Golf, obwohl unzählige Menschen besser Golf spielen. Ein Mathematiker löst eine Gleichung, obwohl ein Computer sie schneller lösen kann.

Der Sinn einer Tätigkeit hing noch nie davon ab, der Beste darin zu sein.

Wir lernen, üben und arbeiten, weil wir etwas verstehen wollen. Weil wir uns entwickeln. Weil wir etwas gestalten. Weil wir erleben wollen, dass wir selbst etwas können.

Neu an künstlicher Intelligenz ist deshalb vielleicht weniger, dass etwas anderes besser sein kann als wir.

Neu ist, dass eine Maschine möglicherweise nicht nur besser wird, sondern unsere wirtschaftliche Funktion tatsächlich überflüssig machen kann.

Nicht mehr gebraucht zu werden, darf nicht bedeuten, nicht mehr von Bedeutung zu sein.

Vorzeichen lesen

Nach der Pause sprach der Schriftsteller Saša Stanišić.

Er erzählte unter anderem von seiner Herkunft aus dem früheren Jugoslawien und von der Erfahrung des Nationalismus. Ein Gedanke blieb bei mir hängen: die Vorstellung, man habe geglaubt, eine Gesellschaft, die Nationalismus einmal erlebt habe, werde nicht noch einmal dorthin zurückkehren.

Diese Hoffnung hat sich als zu einfach erwiesen.

Die Rede arbeitete viel mit Sprache und Wortspielen. Von unseren Plätzen auf der Orgelempore war sie akustisch nicht immer leicht zu verstehen, und manches blieb für mich eher in einer intellektuellen Sprache, die mich zu einer anderen Frage brachte.

Erstaunlicherweise spielte künstliche Intelligenz in der Rede keine Rolle. Vielleicht muss sie das in einer Rede über Demokratie auch nicht.

Aber bei einem Wochenende unter dem Titel „Vorzeichen lesen“ erschien mir gerade dieses Vorzeichen kaum noch zu übersehen.

Erreichen wir die Menschen noch?

Schon vor dem Konzert hatte ich mit Bernd, der in Halle lebt, kurz über den starken Zuspruch für die AfD gesprochen.

Viele vermeintlich einfache Antworten auf komplizierte Probleme halten einer genaueren Betrachtung nicht stand.

Aber gerade daraus ergibt sich für mich eine unbequeme Frage: Warum gelingt es den demokratischen Parteien dann offenbar so schlecht, diese Widersprüche sichtbar zu machen – und gleichzeitig in einer Sprache über die wirklichen Sorgen der Menschen zu sprechen, die sie erreicht?

Vielleicht liegt darin ein Problem, das weit über Parteipolitik hinausgeht.

Wer sich selbst auf der Seite von Fortschritt, Offenheit und Demokratie sieht, muss sich trotzdem fragen, ob die eigene Sprache diejenigen noch erreicht, deren Leben sich durch diesen Fortschritt gerade grundlegend verändert.

Was passiert mit einem Menschen, der das Gefühl bekommt, seine Arbeit sei immer weniger wert? Der die Veränderungen zwar erlebt, sie aber nicht versteht oder beeinflussen kann? Der den Eindruck hat, die Zukunft werde von anderen entworfen und ihm anschließend erklärt?

Angst vor sozialem Abstieg, Angst vor Technik, Angst davor, nicht mehr gebraucht zu werden oder nicht mehr gesehen zu werden – all das erklärt keine anti-demokratische Haltung und entschuldigt sie erst recht nicht.

Aber eine Demokratie sollte solche Ängste ernst genug nehmen, um sie nicht allein denen zu überlassen, die daraus einfache Antworten machen.

Demokratie und künstliche Intelligenz

Vielleicht treffen sich an dieser Stelle zwei Themen, die auf den ersten Blick wenig miteinander zu tun haben.

Demokratie lebt davon, dass Menschen sich als Teil einer Gesellschaft erleben.

Und die Diskussion über künstliche Intelligenz wird sich ebenfalls nicht allein mit der Frage lösen lassen, wie wir Menschen materiell absichern, wenn Maschinen immer mehr Aufgaben übernehmen.

Menschen wollen nicht nur versorgt werden.

Sie wollen dazugehören. Sie wollen etwas beitragen. Sie wollen erleben, dass das, was sie tun, eine Bedeutung hat.

Vielleicht wird genau das zu einer der großen politischen und gesellschaftlichen Aufgaben der kommenden Jahre: eine Welt zu gestalten, in der technische Leistungsfähigkeit wächst, ohne dass menschliche Selbstwirksamkeit verschwindet.

Und dann Dvořák

Nach der Rede spielte das Gewandhausorchester Dvořáks siebte Sinfonie.

Sie begann für mich vergleichsweise ruhig und entwickelte dann immer mehr Kraft. Das Orchester wurde groß, intensiv und schließlich beinahe überwältigend.

Vielleicht war das gerade nach all den Fragen des Abends der richtige Abschluss.

Nicht noch eine Antwort.

Sondern Energie.

Optimismus.

Das Gefühl, dass Zukunft nicht nur etwas ist, das über uns kommt.

Sondern etwas, das wir gestalten können.

Warum hier künftig öfter von Kultur die Rede sein wird

In den vergangenen Monaten sind bei mir bereits einige Texte über Oper, Konzerte, Ballett und Ausstellungen entstanden.

Nicht als klassische Rezensionen.

Mich interessiert weniger, ob eine Inszenierung fünf Sterne verdient. Mich interessiert, welche Gedanken ein Abend auslöst – über Freiheit und Verantwortung, Liebe und Schicksal, Heimat und Fremdsein, Entscheidungen, Technik oder Gesellschaft.

Einige dieser Texte liegen bereits fertig auf meinem Schreibtisch und werden in den kommenden Wochen nach und nach hier erscheinen.

Vielleicht wird daraus keine eigene Kulturkritik, sondern eher ein kulturelles Tagebuch innerhalb von „Vermögen mit Sinn“.

Denn manchmal führt ein Konzertabend überraschend direkt zu den Fragen, die uns auch außerhalb des Konzertsaals beschäftigen.

Sie muss uns nicht sagen, was wir denken sollen. Sie kann uns dazu bringen, über Dinge nachzudenken, die wir vorher gar nicht gefragt haben.
Quellen und Hinweise:

Programm und Hintergrund zum Demokratie-Konzert: Gewandhausorchester Leipzig

Zur erwähnten Aussage von Jack Ma über Bildung und die Zukunft der Arbeit: World Economic Forum