Wenn ich heute über den Nikolaikirchhof in Leipzig gehe, denke ich manchmal daran, wie dort 1989 Menschen standen, Friedensgebete besuchten und von Polizisten ihre Ausweise kontrollieren ließen.
Damals war ich 16 Jahre alt.
Niemand wusste, dass wenige Monate später eine Welt verschwunden sein würde, die vielen als unveränderlich erschien.
Wenn heute über künstliche Intelligenz diskutiert wird, muss ich manchmal an diese Zeit denken.
Wie könnte unsere Gesellschaft in 20, 30 oder 50 Jahren aussehen?
Viele Diskussionen drehen sich um Technik. Um Rechenleistung. Um Roboter. Um die nächste Generation von KI-Systemen. Mich beschäftigt jedoch eine andere Frage:
Nicht: Was wird technisch möglich sein?
Sondern: Wozu werden wir diese Möglichkeiten nutzen?
Wofür stehen wir morgens auf?
In vielen Zukunftsromanen wird die Frage gestellt, ob Menschen überhaupt noch gebraucht werden. Als Arbeiter. Als Konsumenten. Als Soldaten. Als Wähler.
Doch waren dies jemals die eigentlichen Gründe, morgens aufzustehen?
Wenn wir auf unser eigenes Leben zurückblicken, erinnern wir uns selten an besonders gelungene Steuererklärungen, erfolgreiche Einkaufsentscheidungen oder erfüllte Verwaltungsaufgaben. Wir erinnern uns an Begegnungen, Herausforderungen, Reisen, Niederlagen, Erfolge und die Menschen, die unseren Weg begleitet haben.
Vielleicht liegt der Sinn menschlichen Lebens nicht in seiner ökonomischen Funktion.
Die Wende und die Zukunft
Wenn ich heute über künstliche Intelligenz nachdenke, denke ich manchmal an eine andere Zeit des Umbruchs.
1989 war ich 16 Jahre alt und lebte in Leipzig. Ich erinnere mich noch an die Montagsdemonstrationen rund um die Nikolaikirche, an Friedensgebete, an Personalausweiskontrollen und an die Mischung aus Hoffnung und Unsicherheit.
Damals wusste niemand, wie die Welt wenige Jahre später aussehen würde.
Für viele Menschen bedeutete die Wende Freiheit, neue Möglichkeiten und neue Chancen. Für andere bedeutete sie den Verlust von Arbeit, Status oder einer vertrauten Ordnung.
Beides war gleichzeitig wahr.
Ich habe Menschen erlebt, die ihre Möglichkeiten nutzten und aufblühten. Ich habe aber auch Menschen erlebt, die mehrfach umgeschult wurden, ihre berufliche Heimat verloren und nie wieder richtig Fuß fassten.
Mein Vater gehörte in gewisser Weise zu beiden Gruppen. Er engagierte sich aktiv in der Umbruchzeit, wurde Bürgermeister und half dabei, die neuen Strukturen mit aufzubauen. Gleichzeitig verlor er später seinen bisherigen beruflichen Platz und musste sich neu orientieren.
Vielleicht ist das eine wichtige Lehre für die aktuelle KI-Debatte.
Gesellschaftlicher Fortschritt besteht nicht nur darin, neue Möglichkeiten zu schaffen. Er besteht auch darin, möglichst viele Menschen auf diesem Weg mitzunehmen.
Menschen vergleichen selten politische Systeme oder wirtschaftliche Kennzahlen. Sie vergleichen ihr eigenes Leben.
KI als Wissensrevolution
Viele vergleichen künstliche Intelligenz mit dem Internet. Für mich erinnert sie stärker an den Buchdruck.
Der Buchdruck brachte Wissen aus Klöstern und Universitäten in die Städte. Der Buchdruck machte Wissen nicht nur verfügbar, sondern stellte Autoritäten infrage.
Plötzlich konnten Menschen selbst lesen, vergleichen und eigene Schlüsse ziehen.
Die Folgen waren gewaltig: Reformation, wissenschaftliche Revolution und neue politische Ideen.
Vielleicht erleben wir mit KI erneut eine Zeit, in der Wissen demokratisiert wird und bestehende Autoritäten ihre Rolle neu definieren müssen.
Der Unterschied besteht darin, dass sich dieser Wandel heute nicht über Jahrhunderte, sondern innerhalb weniger Jahre vollzieht.
Heute kann nahezu jeder Mensch über sein Smartphone auf Wissen zugreifen, das früher Spezialisten vorbehalten war.
Doch wie beim Buchdruck entstehen dadurch nicht nur Bildung und Aufklärung. Es entstehen auch Irrtümer, Manipulationen, Ideologien und neue Machtstrukturen.
Früher glaubten viele Menschen alles, was schwarz auf weiß gedruckt war.
Heute glauben manche alles, was ihnen eine KI antwortet.
Deshalb wird kritisches Denken nicht weniger wichtig, sondern wichtiger.
Diamond Age, Biokrieg und die Zukunft
Beeindruckt haben mich Zukunftsromane wie Diamond Age und Biokrieg.
Nicht weil ich glaube, dass ihre Zukunftsbilder exakt eintreffen werden.
Sondern weil sie Fragen stellen, die weit über Technologie hinausgehen:
Wem gehört Wissen?
Wem gehören die produktiven Systeme?
Welche Rolle spielen Staaten noch?
Und wie organisieren Menschen ihr Zusammenleben, wenn Arbeit, Eigentum und Macht sich verändern?
Besonders interessant fand ich dabei die Frage, wie Gesellschaften funktionieren, wenn Grundbedürfnisse weitgehend gesichert sind.
Wenn Nahrung, Energie oder Wissen keine knappen Güter mehr sind, verschiebt sich die eigentliche Herausforderung möglicherweise auf andere Felder: Sinn, Verantwortung, Freiheit und Zugehörigkeit.
Die Frage, die Politik selten stellt
In meiner Arbeit mit Unternehmern, Familien und Stiftern stelle ich oft eine einfache Frage:
Wie soll die Welt in 20 oder 30 Jahren aussehen?
Erstaunlicherweise fällt die Antwort vielen schwer.
Nicht weil sie keine Meinung hätten.
Sondern weil wir selten in solchen Zeiträumen denken.
Politik diskutiert häufig über die nächsten vier Jahre.
Stiftungen denken oft in Jahrzehnten oder Generationen.
Deshalb führen Gespräche über Stiftungen fast zwangsläufig zu einer anderen Frage:
Was soll bleiben, wenn wir selbst nicht mehr da sind?
Nachgedanken
Beim Nachdenken über diese Fragen musste ich an Erik Händeler und die Kondratieff-Zyklen denken.
Jede Generation erlebt ihre Umbrüche als einzigartig.
Industrialisierung, Elektrifizierung, Computer, Internet und heute künstliche Intelligenz veränderten die Welt tiefgreifend.
Für die Menschen innerhalb dieser Veränderungen fühlte sich die eigene Zeit oft wie ein Ausnahmezustand an.
Vielleicht ist sie das auch.
Und doch gab es ähnliche Gefühle schon viele Male.
Nicht jeder profitierte von diesen Veränderungen.
Nicht ohne Leid.
Nicht ohne Verluste.
Aber als Gesellschaft fanden Menschen immer wieder neue Wege.
Je älter ich werde, desto weniger wünsche ich mir eine perfekte Gesellschaft.
Aber ich wünsche mir eine Gesellschaft, die die Grundbedürfnisse ihrer Menschen sichern kann und ihnen gleichzeitig Raum für ihre Individualität lässt.
Eine Gesellschaft, die Wissen nicht nutzt, um Menschen zu beherrschen, sondern um ihnen mehr Freiheit zu ermöglichen.
Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Aufgabe unserer Zeit.
Am Ende führt die Frage nach der Zukunft der Gesellschaft oft zu einer viel persönlicheren Frage:
Was möchte ich selbst hinterlassen?
Vielleicht ist das auch der Grund, warum mich Stiftungen und Vermögensfragen seit vielen Jahren beschäftigen.
Vermögen ist für mich nie Selbstzweck gewesen.
Es ist ein Werkzeug, um Zukunft zu gestalten.
Die Frage lautet deshalb nicht nur, welches Vermögen wir hinterlassen.
Sondern welche Welt wir damit ermöglichen wollen.
Wenn künstliche Intelligenz, Automatisierung und technologischer Fortschritt uns tatsächlich mehr Möglichkeiten eröffnen – was wollen wir mit dieser gewonnenen Freiheit anfangen?
Vielleicht ist genau das die wichtigste Zukunftsfrage.
