Vorabend meines Geburtstags, viel um die Ohren – und genau deshalb der richtige Moment für einen Gewandhaus-Donnerstag. Haydn, Mendelssohn mit Seong-Jin Cho und danach Brahms’ 3. unter Andris Nelsons. Ein Abend, der Leichtigkeit, Nachdenklichkeit und Optimismus erstaunlich gut verband.
Etwas verspätet, aber noch rechtzeitig auf den Plätzen. Das Haus fühlte sich ausverkauft an. Haydn (Es-Dur Hob. I:22 „Der Philosoph“) als heiterer Auftakt – ein helles, optimistisches Stück, das sofort Tempo aus meinem Tag nahm.
Mendelssohn – Seong-Jin Cho, Klavier
Im ersten Klavierkonzert g-Moll op. 25 gab Seong-Jin Cho eine bewegliche, klare, unprätentiöse Lesart – brillant, aber nie selbstverliebt. Die Klaviermusik öffnete mir einen Denk-Raum: Ich ließ die letzten Wochen Revue passieren, spielte Entscheidungen durch, schaute nach vorn. Nicht Abgelenktsein, eher ein kontrolliertes Abschweifen – die Musik als Ordnungssystem für Gedanken.

Pause – Begegnung & Stadtgeschichte
Riesling und Michaelis-Häppchen, dazu die zufällige Begegnung mit einem Freund, der eigentlich abgesagt hatte – ein schöner Überraschungsmoment.
Wir standen direkt vor dem Bild Mendelssohns, der von Leipzig aus in die Welt ging. Ein passendes Bild auch für unser Arbeiten: lokal verankert, nach außen gerichtet.

Brahms – die Dritte unter Nelsons
Andris Nelsons wirkte sichtbar verändert: schlanker, beweglicher, näher am Orchester. Ohne Noten, ohne Podest, oft inmitten des Klangkörpers – manchmal, als umarme er das Orchester, manchmal schwebend darüber. Diese Leichtigkeit gab Brahms’ 3. Sinfonie op. 90 einen anderen Charakter als im Mai unter Gilbert: weniger monumental, mehr atmend, federnd, weit. Das machte mich – trotz voller Agenda – optimistisch und wach.

Ein kurzer Drink mit meiner Partnerin und einem guten Freund im Adina – und das Gefühl, gut gestimmt in den Geburtstag hinüberzugleiten. Musik als kleine Kurskorrektur: sie sortiert, hellt auf, öffnet den Blick.

Mein Brahms-Text vom Mai („Brahms unter Gilbert“) knüpft schön an – hier bekam die Dritte eine andere, leichtere Farbe.
Hinweis zur Serie:
Dieser Beitrag ist Teil meiner Reihe „Ein Abend im Theater“.