Thomas Rößler

Mentor für Vermögen mit Sinn

Tausend Jahre und noch nicht fertig

London – über Tradition und Veränderung, Öffentlichkeit und Exklusivität und die Frage, was eine Gesellschaft zusammenhält

Tower of London mit der modernen City im Hintergrund
Fast tausend Jahre Geschichte – und dahinter wird weitergebaut. Vielleicht erzählt kaum ein Blick London besser.

Fast tausend Jahre. Dieser Gedanke ging mir durch den Kopf, als ich in der Westminster Hall stand. Wir sind heute große Räume gewohnt. Flughäfen, Messehallen, Einkaufszentren. Aber wie muss dieser Raum auf einen Menschen um 1100 gewirkt haben, als ringsherum fast nur kleine Häuser standen?

Die Halle wurde unter Wilhelm II. Ende des 11. Jahrhunderts errichtet und war damals eine der größten Hallen Europas. Architektur war Macht. Hier bin ich König. Das ist mein Reich. Und du bist ziemlich klein.

Während unserer Tage in London begegnete mir dieser Gedanke immer wieder: Wie schafft es eine Stadt, fast tausend Jahre Geschichte mit sich herumzutragen – und trotzdem nicht zum Museum zu werden?

Besuch in der Westminster Hall im britischen Parlament
Westminster Hall: Geschichte nicht hinter Glas, sondern mitten in einem Parlament, das noch immer arbeitet.

Männer mit Fellmützen

Manches fand ich zunächst einfach ein bisschen skurril. Männer mit Fellmützen marschieren vor einem Palast auf und ab. Im Parlament laufen Abgeordnete zur Abstimmung noch immer durch „Aye“- und „No“-Lobbys. Zur Parlamentseröffnung fährt der Monarch in zeremonieller Form vor, zieht ein besonderes Gewand an und folgt einem Ablauf voller historischer Rituale.

Braucht man das alles? Wahrscheinlich nicht, wenn man nur nach Effizienz fragt. Aber vielleicht ist Effizienz einfach nicht die einzige Kategorie, nach der eine Gesellschaft funktionieren sollte. Rituale schaffen Wiedererkennbarkeit. Sie verbinden Gegenwart mit Vergangenheit und sagen: Vieles verändert sich – aber wir kommen irgendwoher.

Da musste ich an unsere Gesellschaft denken. Haben wir in Deutschland manchmal so große Angst vor falscher Tradition, dass wir unterschätzen, wie wichtig gemeinsame Erinnerung sein kann? Ich meine damit gerade nicht, dass früher alles besser gewesen wäre. Mich interessiert eine andere Frage: Was gibt einer Gesellschaft Halt, wenn sich gleichzeitig sehr viel verändert?

Viele Städte in einer

London selbst liefert darauf keine einfache Antwort. An einem Tag liefen wir von Hampstead über Parliament Hill und Kentish Town nach Camden, weiter durch den Regent’s Park Richtung Baker Street und schließlich mit dem Bus durch die Oxford Street. Dazwischen ein alter Pub, Sunday Roast, ein Bier zwischen Einheimischen, Wohnstraßen, Hochhäuser, Märkte und Touristen.

An diesem Tag sind wir eigentlich durch mehrere Städte gelaufen. Und alle hießen London.

Blick vom Parliament Hill über London
Blick vom Parliament Hill: London wirkt von hier fast überschaubar. Beim Hinunterlaufen merkt man schnell, wie viele verschiedene Städte darin stecken.

In einem Café kamen wir irgendwann auf die Frage, wie unsere Kellnerin eigentlich in dieser Stadt lebt. Nicht weil wir etwas über sie wussten. Gerade deshalb blieb die Frage hängen. Wir können uns diese Reise leisten, Restaurants, Eintrittskarten und auch einmal einen ziemlich albern teuren königlichen Souvenirbecher. Aber kann jemand, der diese Stadt jeden Tag am Laufen hält, auch an ihr teilhaben?

Dabei musste ich an Michael Schluter und das Konzept des „Relational Thinking“ denken, mit dem ich mich vor vielen Jahren einmal beschäftigt habe. Die interessante Frage lautet dann nicht nur: Wie viel verdient ein Mensch? Sondern: Welches Leben ermöglicht ihm dieses Einkommen? Wie weit muss er pendeln? Bleibt Zeit für Familie und Freunde? Kann er an dem Ort, an dem er arbeitet, auch leben?

Eine Antwort darauf habe ich nicht. Aber ich finde die Frage inzwischen interessanter als manche Statistik.

Das Alte anders benutzen

Passend dazu fiel mir in der U-Bahn eine Werbung auf: Die Verkehrsgesellschaft baut Wohnungen auf und an Flächen ihres eigenen Netzes. Und noch etwas hatte mich irritiert. London ist voller Elektroautos, aber ich sah erstaunlich wenige Ladesäulen. Erst später verstand ich, dass viele Ladepunkte unauffällig in die vorhandene Straßeninfrastruktur integriert sind, teilweise sogar in Laternen.

Das gefiel mir als Gedanke. Fortschritt muss nicht immer bedeuten, dass das Alte wegmuss. Manchmal kann man auch fragen: Was haben wir bereits – und welche neue Funktion kann es bekommen?

Einmal die Themse hinunter

Vielleicht wurde mir dieser Gedanke am stärksten an einem anderen Tag bewusst. Wir hatten mehrere Stunden in der National Gallery verbracht. Rembrandt, Rubens, Van Gogh, Monet – irgendwann ist man fast überfordert von der Menge. Besonders hängen geblieben bin ich wieder bei Turner. Licht, Wasser, Dampf, Bewegung. In „Rain, Steam and Speed“ fährt die Eisenbahn beinahe aus dem Bild heraus. Schon im 19. Jahrhundert: eine Welt in Veränderung.

Turner-Saal in der National Gallery in London
Bei Turner in der National Gallery: Schon im 19. Jahrhundert wurden Geschwindigkeit, Technik und Veränderung zu Kunst.

Danach gingen wir zum Embankment und stiegen ziemlich spontan in einen River Bus. Eigentlich wollten wir nur ein Stück fahren. Dann blieben wir sitzen. Tower und Tower Bridge, Docklands, Canary Wharf, die O2 Arena, immer neue Wohngebiete – und schließlich die Thames Barrier. Wir fuhren bis Barking Riverside, stiegen kurz aus, checkten wieder ein und fuhren auf demselben Weg zurück.

Vom Wasser aus sah London plötzlich anders aus. Nicht mehr als Ansammlung berühmter Sehenswürdigkeiten, sondern als Stadt, die Schicht für Schicht weitergebaut wird. Die Thames Barrier schützt dabei die jahrhundertealte Stadt mit moderner Technik vor dem Wasser.

Thames Barrier bei London
Die Thames Barrier: moderne Technik schützt eine alte Stadt. Bewahren und verändern müssen keine Gegensätze sein.
London bewahrt seine Geschichte nicht, indem es stehen bleibt. Die Stadt schreibt sie weiter.

Ausgerechnet das British Museum

Am letzten Tag standen wir im British Museum. Rosetta Stone, die Skulpturen vom Parthenon, ein gewaltiges Objekt von der Osterinsel – und Menschen aus aller Welt. Ausgerechnet das British Museum war einer der am wenigsten ausschließlich britischen Orte unserer Reise.

Natürlich steckt darin auch eine andere Geschichte. Wie ist diese Welt eigentlich nach London gekommen? Empire, Macht, Handel, Forschung und Aneignung gehören ebenfalls zur Geschichte dieser Stadt. Gleichzeitig kann heute jeder kostenlos hineingehen und sich diese Welt ansehen. Wieder so ein Widerspruch, der sich nicht mit einem einfachen Urteil erledigen lässt.

Eine Kirche, die kein Museum ist

Am Abend saßen wir beim Evensong in Westminster Abbey. Chor, Gebet, jahrhundertealte Mauern – und erstaunlich viele Menschen. Die Abbey funktioniert noch. Sie ist nicht nur ein historisches Gebäude, das man besichtigt. In ihr geschieht weiterhin das, wofür sie einmal gebaut wurde.

Vielleicht ist das der entscheidende Unterschied: Eine Tradition bleibt nicht lebendig, weil man sie konserviert. Sie bleibt lebendig, weil Menschen sie tun.

Danach gingen wir noch auf ein Bier ins Ship & Shovell. Vielleicht war auch das eine Form britischer Tradition. Jedenfalls eine, mit der ich mich ziemlich schnell anfreunden konnte.

Tausend Jahre – und noch nicht fertig

Je länger ich über diese Tage nachdenke, desto weniger möchte ich daraus ein Urteil über London machen. Dafür sind die Widersprüche viel zu interessant: Monarchie und parlamentarische Demokratie. Alte Rituale und künstliche Intelligenz. Private Grundstücke und riesige öffentliche Parks. Unbezahlbarer Wohnraum und kostenlose Museen. Westminster Hall und Canary Wharf. Evensong und Pub.

Bei der Last Night of the Proms hatte ich am Ende selbst einen Union Jack in der Hand. Als Deutscher. Und ich hatte überhaupt nicht das Gefühl, ausgeschlossen zu sein. Vielleicht können Traditionen gerade dann stark sein, wenn sie selbstbewusst genug sind, andere einzuladen.

Das beschäftigt mich auch mit Blick auf unsere Gesellschaft. Digitalisierung, künstliche Intelligenz, Migration, neue Arbeitswelten, Klimawandel und Globalisierung verändern vieles gleichzeitig. Vielleicht brauchen Menschen, um Veränderung annehmen zu können, auch das Gefühl, dass nicht alles gleichzeitig verschwindet.

Das wäre dann kein Argument gegen Fortschritt. Im Gegenteil. Vielleicht ist ein gewisses Maß an Kontinuität sogar eine seiner Voraussetzungen.

Früher hätte ich wahrscheinlich versucht, daraus eine eindeutige Antwort zu machen. Heute finde ich die Widersprüche interessanter. Gute Städte und gute Gesellschaften müssen sie vielleicht gar nicht vollständig beseitigen. Sie müssen mit ihnen arbeiten. Streiten. Korrigieren. Bewahren. Verändern. Und weiterschreiben.

Fortschritt heißt nicht, keine Vergangenheit mehr zu haben.
Und Tradition heißt nicht, in der Vergangenheit leben zu müssen.

Vielleicht liegt die eigentliche Kunst darin, zu wissen, was wir mitnehmen wollen, während wir weitergehen.

London scheint das seit ziemlich langer Zeit auszuprobieren. Nicht immer widerspruchsfrei. Nicht für jeden gleich. Und ganz offensichtlich auch nicht fertig.

Tausend Jahre und noch nicht fertig.

Irgendwie beruhigt mich dieser Gedanke. Denn das gilt wahrscheinlich nicht nur für London. Vielleicht gilt es auch für unsere Gesellschaft. Und manchmal sogar für uns selbst.