Thomas Rößler

Mentor für Vermögen mit Sinn

Authentic Integrity

Ein Abend bei der Last Night of the Proms – über Yuja Wang, Dolly Parton, britische Lebensfreude und die Frage, warum wir Menschen manches weiterhin selbst tun sollten

Manche Dinge macht man wahrscheinlich nur einmal im Leben.

Nicht unbedingt, weil man sie nicht noch einmal erleben möchte. Sondern weil Aufwand und Preis eine Wiederholung eher unwahrscheinlich machen.

Die Last Night of the Proms gehört für mich seit diesem Wochenende in diese Kategorie.

Als ich die Karten gekauft habe, musste ich jedenfalls kurz schlucken. Für das Geld könnte ich vermutlich mehrere Spielzeiten mein Anrecht im Leipziger Gewandhaus bezahlen.

Also: Das musste jetzt schon ziemlich gut werden.

Es wurde ziemlich gut.

Ein bisschen Zirkus

Schon die Royal Albert Hall ist mit einem normalen Konzertsaal kaum zu vergleichen.

Dieser riesige runde Raum, die Ränge übereinander, das Orchester weit unten – ein bisschen Konzertsaal, ein bisschen Arena, vielleicht sogar ein bisschen Zirkus.

In der Royal Albert Hall vor Beginn der Last Night of the Proms 2026
Mit Programm in der Royal Albert Hall – noch bevor aus dem Konzert langsam eine ziemlich britische Party wurde.

Wir saßen in Stalls K, Reihe 9. Wieder fiel mir etwas auf, auf das ich früher wahrscheinlich nie geachtet hätte: Celli und Kontrabässe saßen von uns aus rechts. In Leipzig bin ich eine andere Aufstellung gewohnt.

Offenbar verändert häufiges Konzertgehen tatsächlich den Blick. Ich höre nicht mehr nur die Musik. Ich schaue inzwischen auch darauf, wie sie entsteht.

Wobei es an diesem Abend wirklich schwierig war, nur auf das Orchester zu schauen.

Überall Union Jacks. Als Fahnen, Fliegen, Krawatten und Kleidungsstücke. Abendgarderobe neben Basecap und Bier. Menschen, die diesen Abend offensichtlich seit Jahren zelebrieren, und andere wie wir, die einmal dabei sein wollten.

Vor der Halle wollte uns jemand eine Europafahne geben. Sinngemäß: Ihr seid doch Europäer.

Ich fand das ehrlich gesagt ein bisschen merkwürdig.

Warum sollte ich ausgerechnet hier demonstrieren müssen, dass ich Europäer bin?

Später kaufte ich mir einen Union Jack.

Und irgendwann schwenkte ich ihn genauso wie die Briten um uns herum.

Das fühlte sich überhaupt nicht merkwürdig an.

Wie macht sie das?

Musikalisch war der Abend fast ein Überangebot.

Bernstein, Dvořák, Smetana, Barber, Holst, neue Musik, Chor, Jazz, Musical – und am Ende natürlich all das, was offenbar zwingend zu einer Last Night gehört.

Manches gefiel mir mehr, anderes weniger. Aber das war irgendwann gar nicht mehr entscheidend.

Besonders beeindruckt haben mich die Chöre.

Und dann kam Yuja Wang.

Ich habe irgendwann einfach nur noch auf ihre Hände geschaut.

Wahnsinn.

Die Finger flogen über die Tastatur, die Hände überkreuzten sich, und ich habe mich tatsächlich gefragt, wie ein Mensch bei diesem Tempo überhaupt noch die richtigen Tasten finden kann.

Dabei wirkte es nicht wie eine artistische Nummer nach dem Motto: Schaut her, wie schnell ich spielen kann.

Sie war vollkommen in dieser Musik.

Beim Barber-Klavierkonzert schon beeindruckend, für mich aber noch einmal ganz anders in Alexander Tsfasmans Jazz Suite. Plötzlich passten Geschwindigkeit, Rhythmus, Körper und diese unglaubliche technische Sicherheit zusammen.

Ich saß in dieser riesigen Albert Hall und dachte einfach:

Wie macht sie das?

Ein Sänger, der verstanden hatte, wo er war

Und dann Nicky Spence.

Große Stimme, natürlich. Aber eben nicht nur.

Er wechselte Kostüme, spielte mit dem Publikum und bewegte sich ganz selbstverständlich zwischen Dvořák, Musical und dem ganzen britischen Spektakel dieses Abends.

Normalerweise könnte mir so etwas vielleicht sogar etwas zu viel sein.

Hier passte es.

Vielleicht muss man bei der Last Night akzeptieren, dass man nicht in einem normalen klassischen Konzert sitzt.

Spätestens in der zweiten Hälfte war das ohnehin vorbei.

Das Konzert verwandelte sich langsam in eine Party.

Und dann kam Dolly Parton.

Ausgerechnet Dolly Parton

Dolly Parton war erst wenige Wochen zuvor im Alter von 80 Jahren gestorben. Die Last Night erinnerte mit To Dolly, With Love an sie: Sheridan Smith sang 9 to 5, Beverley Knight I Will Always Love You und Ward Thomas Jolene.

Und ausgerechnet Dolly Parton brachte mich wieder zu einem Thema, das mich seit Monaten beschäftigt.

Sakari Oramo erinnerte in seiner Rede an etwas, das sie einmal über sich selbst gesagt hatte.

Parton beschrieb ihr Äußeres ganz unverkrampft als künstlich – und sich selbst trotzdem als vollkommen echt.

Und dann dieser wunderbare Satz:

“A rhinestone shines just as good as a diamond.”

Ich musste lachen.

Ausgerechnet Dolly Parton als Antwort auf künstliche Intelligenz.

Aber vielleicht steckt darin mehr, als es zunächst klingt.

Oramo machte aus AI an diesem Abend nicht Artificial Intelligence, sondern:

Authentic Integrity.

Authentische Integrität.

Für ihn das Geheimnis eines guten Musikers – und wahrscheinlich auch eines guten Menschen.

Und plötzlich war ich gedanklich wieder im Gewandhaus in Leipzig.

Schon wieder die KI

Nur wenige Tage zuvor hatten wir dort beim Demokratie-Konzert darüber nachgedacht, was Menschen eigentlich noch selbst tun wollen, wenn Maschinen immer mehr Dinge genauso gut oder besser können.

Ich hatte darüber schon geschrieben.

Und eigentlich wollte ich in London einfach Urlaub machen.

Aber offenbar lässt mich das Thema momentan nicht in Ruhe.

Die einfache Antwort auf die Frage nach dem Unterschied zwischen Mensch und Maschine lautet häufig: Kreativität.

Nur überzeugt mich diese Antwort immer weniger.

KI schreibt Texte, komponiert, erzeugt Bilder und Filme. In St. Petersburg hatten wir gerade erlebt, wie Schischkins Gemälde mithilfe künstlicher Intelligenz in Bewegung gebracht wurden.

Und nun saß vor mir Yuja Wang.

Da liegt natürlich die Frage nahe:

Was passiert, wenn eine Maschine irgendwann dieselben Töne schneller, präziser und völlig fehlerfrei spielen kann?

Und plötzlich dachte ich:

Wen interessiert das eigentlich?

Ich wollte in diesem Moment keine Maschine hören.

Ich wollte Yuja Wang spielen sehen.

Wir tun vieles nicht, weil wir die Besten sind

Vielleicht haben wir uns bei der ganzen Diskussion über künstliche Intelligenz an einer Stelle verrannt.

Warum sollte der Wert menschlichen Tuns davon abhängen, dass eine Maschine es nicht kann?

Wir lernen Klavier, obwohl Yuja Wang besser spielt.

Wir spielen Golf, obwohl andere den Ball weiter und präziser schlagen.

Wir laufen, obwohl jedes Auto schneller ist.

Und wir rechnen noch immer, obwohl ein Taschenrechner uns dabei seit Jahrzehnten hoffnungslos überlegen ist.

Der Sinn menschlichen Tuns hat noch nie darin bestanden, dass niemand anderes es besser kann.

Das zeigt mir auch etwas für unsere Gesellschaft.

Wenn Maschinen künftig einen Teil unserer Arbeit übernehmen, ist die entscheidende Frage vielleicht nicht nur, welche Tätigkeiten für Menschen übrig bleiben.

Sie lautet auch:

Warum tun wir überhaupt etwas?

Nur weil wir gebraucht werden?

Nur weil wir damit Geld verdienen?

Nur weil wir besser sind als jemand anderes?

Oder auch, weil wir uns dadurch entwickeln, ausdrücken, miteinander verbinden und etwas als unser Eigenes erleben?

Sakari Oramo beschrieb diesen Abend als kompromisslos live, akustisch und unperfekt.

Unperfekt.

Das Wort gefällt mir dabei fast am besten.

Muss Echtheit natürlich sein?

Und Dolly Parton fügt diesem Gedanken noch eine kleine Gemeinheit hinzu.

Denn sie sagte gerade nicht:

Ich bin natürlich, deshalb bin ich authentisch.

Sie sagte sinngemäß das Gegenteil:

Mein Äußeres ist künstlich. Aber ich bin echt.

Vielleicht müssen wir auch bei künstlicher Intelligenz genauer unterscheiden.

Authentizität verlangt möglicherweise gar nicht, dass nichts Künstliches beteiligt ist.

Ich benutze heute selbstverständlich technische Hilfsmittel. Ich werde auch KI benutzen.

Die spannendere Frage könnte irgendwann sein:

Ist in dem Ergebnis trotzdem noch der Mensch erkennbar?
Hat er entschieden?
Steht er dafür ein?
Ist es noch seines?

Das ist eine Frage, die mich sicher noch weiter beschäftigen wird.

Aber an diesem Abend wollte ich darüber eigentlich gar nicht länger nachdenken.

Denn inzwischen wurde es in der Royal Albert Hall ziemlich verrückt.

Und plötzlich hatte ich einen Union Jack in der Hand

Rule, Britannia!

Land of Hope and Glory.

Jerusalem.

Nationalhymne.

Auld Lang Syne.

Menschen standen auf, sangen, stampften, schwenkten Fahnen.

Irgendwann war das kein Konzertpublikum mehr.

Es war eine Gemeinschaft auf Zeit.

Am Ende der Last Night of the Proms 2026 in der Royal Albert Hall
Am Ende der Last Night – inzwischen nicht mehr nur Zuschauer, sondern irgendwie mittendrin.

Und hier kam für mich noch eine zweite Überraschung dieses Abends.

Ich empfand diesen demonstrativen britischen Nationalstolz überhaupt nicht als unangenehm.

Das hätte auch anders sein können.

Gerade als Deutscher haben Begriffe wie Nationalgefühl und Nationalstolz schließlich eine andere Geschichte und ein anderes Gewicht.

Aber ich fühlte mich nicht ausgeschlossen.

Im Gegenteil.

Niemand verlangte von mir, Brite zu sein.

Ich stand als Deutscher mitten unter Briten, hatte einen Union Jack in der Hand und konnte das problemlos mitfeiern.

Das hat mich beschäftigt.

Vielleicht gibt es einen Unterschied zwischen einem Nationalgefühl, das sagt:

Du gehörst nicht zu uns.

und einem, das sagt:

Das sind wir. Wenn du heute bei uns bist, feiere einfach mit.

So jedenfalls habe ich diesen Abend erlebt.

Und vielleicht unterschätzen wir in unserer Gesellschaft manchmal, wie wichtig solche gemeinsamen Rituale sein können.

Nicht, weil jeder dasselbe denken muss.

Sondern weil Menschen gelegentlich etwas brauchen, das sie gemeinsam tun.

Authentically human

Am Ende waren da ein großes Orchester, die Chöre, außergewöhnliche Solisten, ein völlig überdrehter Konzertsaal, Dolly Parton, Union Jacks – und wir mittendrin.

Nicht alles daran war perfekt.

Manches war kitschig.

Manches ein bisschen verrückt.

Und manches hätte mich in einem normalen Konzert vermutlich gestört.

Aber vielleicht war genau das der Punkt.

Live. Akustisch. Unperfekt.

Artificial Intelligence wird vieles verändern.

Sie wird wahrscheinlich auch Dinge können, von denen wir heute noch glauben, dass sie ausschließlich Menschen vorbehalten seien.

Vielleicht sollten wir deshalb aufhören, unseren Wert daran festzumachen, was Maschinen nicht können.

Mich interessiert inzwischen eine andere Frage:

Was wollen wir Menschen weiterhin selbst tun – auch wenn eine Maschine es genauso gut oder besser könnte?

An diesem Abend war meine Antwort ziemlich einfach.

Ich wollte dort sitzen.

Ich wollte Yuja Wang spielen sehen.

Ich wollte den Chor hören.

Ich wollte mich über diese verrückten Briten wundern.

Und irgendwann wollte ich offenbar sogar mit einem Union Jack in der Hand Land of Hope and Glory singen.

Vielleicht ist das noch keine vollständige Antwort auf die Frage nach dem Menschen im Zeitalter künstlicher Intelligenz.

Aber Authentic Integrity gefällt mir als Anfang ziemlich gut.

Und die Last Night of the Proms?

Einmal im Leben sollte man das vielleicht gemacht haben.

Once in a lifetime.