1. Mai in Leipzig – ein Feiertag, der mit Musik, Begegnung und einem Echo aus Wien endete.
Der Tag begann ruhig. Kein Büro, kein Mandant, sondern ein wenig Zeit für Zuhause – und am Abend dann ein Konzerttermin, den wir nachholten: Unser ursprüngliches Abo-Konzert im März mussten wir absagen, weil wir in Wien waren – bei der DACH-Steuerkonferenz, in der Staatsoper, im Burgtheater. Also wurde dieser 1. Mai zum musikalischen Ersatztermin. Und was für einer.
Das Gewandhaus war gut besucht, der Feiertag lockte offenbar mehr Menschen als ein gewöhnlicher Donnerstagabend. Wir saßen nicht auf unseren üblichen Plätzen mit Überblick über den Saal, sondern im Parkett, vierte Reihe – näher an den Musikern, näher am Geschehen. Und das machte etwas mit der Wahrnehmung: Die Musik war unmittelbarer, der Blick auf den Dirigenten fast intim.

Brahms – mit Weite, Ruhe und einem Dirigenten ohne Noten
Die Dritte Sinfonie von Johannes Brahms eröffnete das Konzert. Zwei ruhigere, zwei lebhaftere Sätze, durchzogen von Nachdenklichkeit und innerer Bewegung.
Alan Gilbert, der Dirigent, stand ohne Pult, ohne Noten auf dem Podest – vollkommen in der Musik. Seine Körpersprache war klar, seine Zeichengebung präzise. Fast tänzerisch leitete er das Orchester, steuerte Übergänge, Einsätze und Klangfarben mit einer Selbstverständlichkeit, die fesselte.
Der dritte Satz erinnerte uns an „Dr. Schiwago“ – eine Melodie, die bleibt. Und obwohl die Musik nie sentimental wurde, lag etwas wie Hoffnung über ihr. Nicht laut, nicht triumphal – aber stark.
Pausenverpflegung, Aussicht und ein kleiner Gruß aus Wien
An die letzten Schnittchen vom Michaelis zu kommen, war sportlich. Die klassischen Schnittchen waren bereits ausverkauft, also wechselten wir spontan den Stand – begleitet von einem Glas Weißwein vom Prinz zur Lippe.
Wir standen am Tisch, blickten über den Augustusplatz – und sahen gegenüber das Opernhaus. Auf dem Plakat: „Pique Dame“.
Und da war er wieder, dieser leise Rückbezug auf Wien. Im März hatten wir Mahler und Tschaikowsky verpasst, weil wir dort waren – nun schimmert Wien durch Leipzig zurück. Im Juli werden wir Pique Dame in der Wiener Staatsoper mit Anna Netrebko sehen. Aber das ist eine andere Geschichte.
Elgar – Klang zwischen Wehmut und Hoffnung
Nach der Pause: Edward Elgars Violinkonzert in h-Moll – ein Werk, das ich bisher kaum kannte. Der Solist Frank Peter Zimmermann kam unprätentiös auf die Bühne, sortierte seine Noten, setzte sich. Man wusste nicht, was zu erwarten war. Und dann begann die Musik – und alles war klar.
Zimmermann spielte mit großer Ruhe, technischer Meisterschaft und einer Tongebung, die nicht traurig, sondern hoffnungsvoll wirkte. Seine Geige schwebte leicht über dem Orchester, ohne sich davon abzulösen. Alan Gilbert, diesmal mit Noten, führte das Orchester mit gewohnter Sicherheit. Die Musik floss – und trug.
Ich merkte, wie ich zwischen Gedanken an den Alltag und völliger Versenkung in die Musik hin- und herpendelte. Und doch war ich immer wieder da, im Moment.
Als Zugabe spielte Zimmermann eine Bearbeitung von Schuberts „Erlkönig“ – für Violine solo.
Und was für ein Schluss!
Atemlose Spannung im Saal, gespannte Aufmerksamkeit auch bei den Streichern des Orchesters, die mit sichtbarer Begeisterung zusahen. Kein großes Finale, sondern ein musikalischer Nachhall, der in die Stille führte.
Zum Ausklang noch ein Glas, ein paar Worte mit Freunden, ein letzter Blick auf das leuchtende Gewandhaus bei Nacht. Der Abend war vollständig. Und wie so oft bleibt am Ende der Klang – als Erinnerung, als Frage, als Resonanz.
„Die Helden des Abends:
Alan Gilbert & Frank Peter Zimmermann mit dem Gewandhausorchester Leipzig“
Hinweis zur Serie:
Dieser Beitrag ist Teil meiner Reihe „Ein Abend im Theater“. In den kommenden Wochen erscheint ein Rückblick auf zwei März-Abende in Wien – mit Don Giovanni in der Staatsoper und Hamlet im Burgtheater. Zwei Abende. Zwei Texte. Ein Thema: Bühnen, die bleiben.