Manchmal vergesse ich, wie viel Kultur wir in Leipzig haben. Und dann sitze ich im Gewandhaus – und bin wieder mittendrin. Dieses Orchester gehört zur Weltklasse, und es ist ein Geschenk, es in einer Stadt zu erleben, in der sich die Musikgeschichte so verdichtet: von Bach über Mendelssohn Bartholdy, den Thomanerchor und Auerbachs Keller bis zu den Physikern und Chemikern des frühen 20. Jahrhunderts. Und dann natürlich das Gewandhaus mit seiner eigenen Geschichte – mit Masur, Blomstedt, Chailly und jetzt Andris Nelsons. Und einem Orchester, das jünger, internationaler, zugleich aber seiner Tradition treu bleibt.
Unsere Abonnement-Reihe IV ist besonders. Sie enthält nicht nur große Namen, sondern auch Neues und Ungewöhnliches. Werke, die man nicht kennt, Komponisten, die vielleicht nicht auf jeder Playlist stehen. Genau das erweitert den Horizont – und öffnet einen Raum, in dem man einfach hören darf, ohne Erwartung, aber mit Neugier.
Ravel – mehr als nur Boléro
Ja, Ravel – das ist doch der mit dem Boléro, dachte ich. Und tatsächlich: Über ihn gibt es ja gerade einen neuen Film. Heute stand aber sein Klavierkonzert in G-Dur auf dem Programm. Gespielt von Pierre-Laurent Aimard, einem herausragenden Pianisten mit tiefer Verbindung zur Moderne und zur französischen Musiktradition. Für mich war es das Herzstück des Abends.
Der erste Satz: marschartig, fast militärisch, laut, gehetzt. Er erinnerte an den Alltag, an Stress, Kampf, Getriebenheit. Und dann das Adagio – ein ruhiger, weiter Raum. Kein Ort zum Denken, sondern zum Mitschwingen. Sanft, fast kontemplativ, aber nicht traurig. Und schließlich der dritte Satz: lebendig, vorwärtsdrängend, fast lebensbejahend. Für mich: Musik als Bewegung. Vom Lärm zur Ruhe und zurück ins Leben.
Poulenc und Boulez – überraschend und vielschichtig
Der Abend begann mit Éclat von Pierre Boulez, ein selten gespieltes Stück für 15 Instrumente. Gewöhnungsbedürftig, ja – aber faszinierend durch seine Instrumentierung, darunter Celesta, Harfe, Xylophon. Dirigent Petr Popelka, seit 2025 Chefdirigent der Wiener Symphoniker, führte die Musiker mit präziser Energie und gestischer Klarheit.
Nach Ravel dann ein intimer Moment: Aimard spielte als Zugabe vier kurze Stücke von Francis Poulenc, dem dieses Konzert auch gewidmet war. Tiefe, sich wiederholende Basstöne, leise Andeutungen von Melancholie – ein starker Kontrast und zugleich ein stilles Nachleuchten.
Bartók – Klang des Tanzes und des Denkens
Nach der Pause dann Bartóks Der holzgeschnitzte Prinz. Ein dichtes, kraftvolles Werk. Anfangs schweiften meine Gedanken noch etwas ab – zu einem aktuellen Fall, zum Tag. Aber dann zog mich das Stück hinein. Ich beobachtete Popelka, wie er sich mit dem Orchester bewegte, wie er Klänge formte, Akzente setzte, atmend und voller Energie. Es war ein Tanz – wenn auch ohne sichtbare Tänzer. Eine Musik, die fordert – aber auch belohnt, wenn man sich ihr hingibt.
Ein guter Wein zum Schluss
Die Pause mit Sächsischem Wein von Prinz zur Lippe – Elbkilometer 454 – und einer kleinen Stärkung von Michaelis rundete den Abend ab. Nicht übervoll war das Haus – Osterferien, unbekannte Stücke, ein noch junger Dirigent. Aber genau das macht diesen Konzertabend für mich besonders: Er war konzentriert, offen, durchlässig – für neue Klänge, für eigene Gedanken und für die Freude am Hören.
Mit Blick auf die Leipziger Oper - Ein Abend zwischen Klang und Stadt