Warum Bitcoin nur der Anfang ist
Ein persönlicher Lernweg zu Eigentum, Vertrauen und digitalen Registern
Ich wollte eigentlich nur verstehen, was hinter Bitcoin, Ethereum und diesem ganzen Gerede über Blockchain tatsächlich steckt. Inzwischen merke ich: Die interessantere Frage ist gar nicht, ob Bitcoin steigt oder fällt. Es geht um etwas Grundsätzlicheres – um Vertrauen, Eigentum und die Frage, wer künftig darüber Buch führt.
Ich beschäftige mich beruflich viel mit Vermögen, Recht und den Strukturen, in denen Vermögen gehalten und übertragen wird. Blockchain und Kryptowährungen hatte ich dabei lange eher am Rand wahrgenommen.
Bitcoin kannte ich natürlich. Ethereum auch dem Namen nach. Aber irgendwann reichte mir das nicht mehr. Was ist ein Bitcoin eigentlich? Wo „liegt“ er? Was macht eine Wallet? Warum braucht man dafür eine Blockchain? Und was soll daran besser sein als an einer vernünftigen Datenbank?
Also habe ich angefangen, es mir Stück für Stück zu erarbeiten – und schließlich auch selbst auszuprobieren. Diese Serie ist das Ergebnis dieses Lernwegs. Nicht als Krypto-Empfehlung und schon gar nicht als Aufforderung, irgendetwas zu kaufen. Sondern als Versuch, Blockchain aus drei Perspektiven zu verstehen: technisch, wirtschaftlich und rechtlich.
Wem müssen wir eigentlich vertrauen?
Nehmen wir einen alltäglichen Vorgang. Ich möchte jemandem 100 Euro überweisen.
Normalerweise denke ich darüber kaum nach. Ich beauftrage meine Bank. Meine Bank führt mein Konto, die andere Bank das Konto des Empfängers. Die beteiligten Systeme sorgen dafür, dass die 100 Euro bei mir ab- und beim anderen gutgeschrieben werden.
Das funktioniert, weil wir Institutionen und deren Registern vertrauen.
Was aber, wenn es diese zentrale Instanz nicht geben soll? Wer führt dann Buch darüber, wem was gehört? Wer verhindert, dass ich dasselbe digitale Geld zweimal ausgebe? Und wer entscheidet, welcher Eintrag richtig ist?
Genau dieses Problem versucht Bitcoin auf eine ungewöhnliche Weise zu lösen. Nicht eine zentrale Stelle führt das Register. Viele Teilnehmer halten Kopien desselben Registers und einigen sich nach festgelegten Regeln darüber, welche Änderungen gültig sind.
Meine erste Überraschung: Die Bitcoin liegen gar nicht in der Wallet
Das war einer der Punkte, bei denen ich zunächst ein falsches Bild im Kopf hatte. Eine Wallet klingt schließlich wie eine Geldbörse. Also müssten dort wohl meine Bitcoin oder Ether liegen.
Tun sie aber nicht.
Die Blockchain hält den relevanten Zustand des Systems fest. Die Wallet ist eher Schlüsselbund und Bedienoberfläche. Sie verwaltet insbesondere die kryptographischen Schlüssel, mit denen ich nachweisen kann, dass ich über bestimmte Werte verfügen darf.
Das habe ich später selbst ausprobiert. Ich habe Ether gekauft, sie von einem Dienstleister auf meine eigene Adresse übertragen und die Transaktion anschließend in einem öffentlichen Blockchain-Explorer angesehen.
Plötzlich war die Theorie sehr konkret. Meine Wallet hatte nicht irgendwo eine kleine Datei mit meinen Ether erhalten. Vielmehr war auf der Blockchain nachvollziehbar, dass der entsprechende Wert nun meiner Adresse zugeordnet war. Meine Wallet las diesen Zustand aus – und mein privater Schlüssel gab mir die Möglichkeit, über diese Adresse zu verfügen.
Das verändert den Blick auf digitales Eigentum erheblich.
Aber weiß die Blockchain jetzt, wer ich bin?
Nein. Auch das war für mich eine wichtige Erkenntnis.
Die Blockchain weiß nicht: „Das ist Thomas Rößler.“ Sie kennt zunächst nur eine Adresse und kann kryptographisch überprüfen, ob jemand über den dazugehörigen Schlüssel verfügt.
Damit muss man zwei Dinge unterscheiden, die im Alltag schnell zusammenfallen: Identität und Verfügungsberechtigung.
Mein privater Schlüssel kann beweisen, dass ich eine bestimmte Blockchain-Adresse kontrolliere. Er beweist aber noch lange nicht, dass ich Thomas Rößler bin, Rechtsanwalt oder Steuerberater bin oder für eine bestimmte Gesellschaft handeln darf.
Dafür braucht es eine weitere Ebene: staatliche Identitäten, Register, Verträge oder künftig digitale Identitätsnachweise. Diese Trennung von „Wer bist du?“ und „Worüber darfst du verfügen?“ wird uns in dieser Serie noch häufiger begegnen.
Schafft Blockchain also Vertrauen ab?
Anfangs begegnete mir immer wieder der Satz, Blockchain schaffe „Vertrauen ohne Vertrauen“. Je länger ich mich damit beschäftige, desto weniger gefällt mir diese Formulierung.
Denn natürlich vertraue ich weiterhin. Ich vertraue darauf, dass die Kryptographie funktioniert. Dass der Programmcode das tut, was er tun soll. Dass das Netzwerk nicht von wenigen Akteuren manipuliert werden kann. Und dass die Regeln des Systems sinnvoll gestaltet wurden.
Wir verlagern einen Teil des Vertrauens von einer Institution auf überprüfbare Regeln, Kryptographie und ein gemeinsam geführtes Register. Ob das besser ist, hängt vom konkreten Anwendungsfall ab.
Und was ist dann Bitcoin?
Hier musste ich ebenfalls zwei Dinge auseinanderhalten. Bitcoin ist einerseits der Vermögenswert. Andererseits ist Bitcoin Teil des wirtschaftlichen Mechanismus, mit dem das Netzwerk funktioniert.
Denn wenn keine zentrale Institution das System betreibt, braucht es andere Anreize dafür, dass Menschen Rechenleistung, Kapital und Infrastruktur zur Verfügung stellen und sich an die Regeln halten.
Wichtig ist dabei eine weitere Unterscheidung: Das Bitcoin-Protokoll bestimmt nicht den Europreis eines Bitcoin.
Es regelt, wie Bitcoin entstehen und übertragen werden. Ob Menschen für einen Bitcoin 10.000, 50.000 oder 500.000 Euro bezahlen wollen, entscheidet der Markt.
Auch das klingt banal. Für mein weiteres Verständnis war es aber wichtig: Technische Knappheit und wirtschaftlicher Wert sind nicht dasselbe.
Dann kam für mich die interessantere Frage
Wenn eine Blockchain festhalten kann, wem Bitcoin zugeordnet sind – warum sollte sie dann nur Geldbewegungen dokumentieren?
Könnte sie nicht auch andere Dinge abbilden? Zum Beispiel Forderungen, Nutzungsrechte, Beteiligungen, Zugangsberechtigungen, Eigentumsnachweise oder Genehmigungen?
Und genau hier wird aus meiner Sicht Blockchain viel interessanter als die Frage nach dem nächsten Bitcoin-Kurs.
Ethereum hat diese Idee erheblich erweitert. Auf Ethereum können Programme ausgeführt werden. Daraus entstehen Smart Contracts, Token, Stablecoins, dezentrale Finanzanwendungen und möglicherweise künftig ganz andere Formen der Organisation von Rechten und Vermögen.
Spätestens hier wird es für einen Juristen spannend. Denn nur weil ein Computer sagt: „Adresse A besitzt Token X“, ist noch lange nicht geklärt, welches Recht dieser Token tatsächlich vermittelt.
Nicht alles gehört auf eine Blockchain
Je länger ich mich mit dem Thema beschäftige, desto skeptischer werde ich übrigens gegenüber einer anderen Behauptung: Blockchain werde irgendwann sämtliche Datenbanken ersetzen.
Warum sollte sie?
Wenn eine einzige vertrauenswürdige Institution eine Aufgabe erfüllt und alle Beteiligten deren Register akzeptieren, kann eine klassische Datenbank erheblich einfacher, schneller und günstiger sein.
Blockchain wird für mich dort interessant, wo mehrere unabhängige Beteiligte einen gemeinsamen, überprüfbaren Zustand benötigen, ohne dass einer von ihnen allein die Wahrheit bestimmen soll.
Deshalb stelle ich inzwischen nicht mehr zuerst die Frage: „Wo könnten wir Blockchain einsetzen?“ Sondern: Welches Vertrauensproblem haben wir eigentlich – und ist Blockchain dafür das richtige Werkzeug?
Ein Lernweg statt einer Krypto-Serie
Genau diesen Weg möchte ich in den nächsten Beiträgen weitergehen.
Ich werde dabei auch die Dinge beschreiben, die ich selbst ausprobiert habe: Wallet einrichten, Ether kaufen, Transaktionen auf der Blockchain verfolgen, Stablecoins erwerben, Smart Contracts anschauen und später auch einmal einen Liquiditätspool testen.
Dabei gab es bereits erste Überraschungen. Bei einem kleinen Test mit 20 Euro beispielsweise waren rund 4 Euro verschwunden, bis die gekauften EURC tatsächlich auf meiner eigenen Blockchain-Adresse angekommen waren.
20 Prozent Kosten sind eine ziemlich wirksame Methode, um die Euphorie über „reibungslose digitale Finanzsysteme“ etwas zu relativieren.
Genau solche Erfahrungen interessieren mich. Denn am Ende möchte ich nicht wissen, ob Blockchain faszinierend klingt. Ich möchte wissen: Wie funktioniert sie tatsächlich? Wann ergibt sie wirtschaftlich Sinn? Was bedeutet sie rechtlich?
Und zunehmend beschäftigt mich noch eine vierte Frage: Was verändert sie an unserem Verständnis von Vertrauen, Eigentum und Verantwortung?
Nachklang
Bitcoin war für mich deshalb tatsächlich nur der Einstieg. Im nächsten Beitrag schauen wir uns Ethereum an. Und dort passiert etwas Entscheidendes: Aus dem dezentralen Register wird ein dezentraler Computer.
Ethereum – wenn die Blockchain zum Computer wird.
Dieser Beitrag ist Teil meiner Reihe „Blockchain verstehen“ – ein persönlicher Lernweg durch Technik, Wirtschaft und Recht.
